„Schwein“, Diebstähle, Körperverletzung: die slowakische „Debatte“ um das Gedenken an kommunistische Parteifunktionäre

„Schwein“, stand in roter Schrift auf dem Denkmal des kommunistischen Parteifunktionärs Vasil Biľak 1) in seiner Heimatgemeinde Krajná Bystrá am 22. Februar 2015 – nur einen Tag nach der feierlichen Enthüllung. Die Künstler Ľuboš Lorenz und Peter Kalmus begründeten ihre Aktion, bei der sie das Denkmal mit roter Farbe beschmierten, damit, dass Biľak ein Mörder gewesen sei und deswegen kein Denkmal verdiene. Das Denkmal mit der Bronze-Büste des ein Jahr zuvor verstorbenen Politikers ließ die kommunistische Partei der Slowakei errichten, denn Biľak – so die Argumentation – habe für den Aufschwung des Dorfes gesorgt.

Es folgte ein verzwickter Gerichtsprozess, denn neben der Anklage der Künstler wegen Vandalismus musste geklärt werden, ob ein solches Denkmal überhaupt hatte errichtet werden dürfen. Die beiden Angeklagten wehrten sich mit der Behauptung, dass sie eine Straftat – die Propagierung eines verbrecherischen Regimes – verhindern wollten. Das Gerichtsverfahren dauerte mehr als ein Jahr und bot den Medien die eine oder andere kuriose Meldung. Die Büste wurde schon im März gestohlen. Der Prozess wurde durch Klatschen, Husten und Zwischenrufe gestört. Der stellvertretende Vorsitzende der Kommunistischen Partei wurde des Saales verwiesen und verließ diesen mit dem Ausruf „Es lebe der Sozialismus!“. Im Gerichtssaal zerbrach unter der Last der Zuschauer eine der drei Holzbänke. Am 20.5.2016 entschied schließlich das Gericht, dass es sich bei der Aktion der Künstler um keine Straftat handelte. Das Gutachten einer Sachverständigen stellte zudem fest, dass das Denkmal für Propagierung eines verbrecherischen Regimes gehalten werden könne, wie sie das Gesetz verbiete.

Nun könnte man meinen, der Streit ist somit beigelegt. Abgesehen davon, dass die kommunistische Partei Revision ankündigte, erregt jedoch schon kurz nach diesem Prozess ein weiteres Denkmal die Gemüter. In Veľký Lipník wurde eine Gedenktafel an den kommunistischen Prokurator (Staatsanwalt) Ján Pješčák installiert. Bei dem Versuch, diese zu beschmieren, soll der Bürgermeister der Gemeinde dem Künstler Lorenz die Mülltonne, auf der dieser stand, weggezogen haben, so dass Lorenz hinfiel und sich verletzte. Gegen den Bürgermeister liegt nun eine Strafanzeige wegen Körperverletzung vor. Er wehrt sich und behauptet, er habe nur das Gemeindeeigentum beschützen wollen. Einige Tage später wurde die Gedenktafel gestohlen.

Es sei jetzt dahingestellt, ob der Protest der Künstler angemessen war oder nicht und ob es nicht mit einer Strafanzeige wegen Propagierung eines verbrecherischen Regimes getan wäre. Unbestritten ist, dass die Künstler mit ihren Aktionen den Denkmälern zur überregionalen Bekanntheit verhalfen. In den kleinen Dörfern, wo die Denkmäler aufgestellt wurden, hätten diese kaum das Potential gehabt, eine gesellschaftliche Debatte über die Erinnerung an die hohen kommunistischen Parteifunktionäre, aber eben auch ihre Opfer zu entfachen. Warum es solcher Debatten braucht?

Auf den Gymnasien sind für die Normalisierungsära eine bis zwei Unterrichtsstunden vorgesehen. Für die gesamte Zeit des Staatssozialismus (einschließlich der Samtenen Revolution) ungefähr 10–12 Stunden – vorausgesetzt, es gibt keine Ausfälle wegen Krankheit oder andere Verzögerungen im „Betriebsablauf“2). Ist es möglich, den Schülern in dieser kurzen Zeit die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit näher zu bringen? Genügt die Zeit, um die nostalgischen Erinnerungen an den Sozialismus, die es in der Gesellschaft gibt, zu besprechen? Um eine Diskussion anzuregen? Um die Schüler zum Nachdenken über die kommunistische Vergangenheit des Landes zu bewegen? Und wer soll es sonst machen? Das recht unauffällige Museum der Verbrechen und der Opfer des Kommunismus in Bratislava geht auf eine private Initiative zurück und ist an einem Tag in der Woche geöffnet. Die wenigen Filme, die in der Slowakei gedreht werden, können diese Aufgabe kaum erfüllen.

Etwas zugespitzt kann man sich daher fast wünschen, dass es noch mehr umstrittene Denkmäler gibt, die gesellschaftliche Debatten anregen und die jüngste Vergangenheit beleuchten. Selbstverständlich könnten diese Debatten auch ohne Körperverletzung, Sachbeschädigung und Diebstähle ablaufen. Bei den heutigen technischen Möglichkeiten wäre es kein Problem, eine Tafel zu installieren, auf der nur der Name und die Lebensdaten stehen, während ein QR-Code den interessierten Betrachter auf eine Webseite mit weiteren Informationen führt. Eine solche Form der Erinnerung könnte dem oft vielschichtigen Leben eines Menschen gerechter werden, als es die wenigen Worte auf einer Gedenktafel vermögen. Zudem konnte damit die Festlegung darauf, ob die Person nun als ein Held oder ein Verbrecher zu betrachten ist, dem Urteil des Besuchers überlassen werden.


  1. Vasil Biľak war ein kommunistischer Funktionär während der Normalisierung, der vielen wegen seiner Unterschrift unter die Einladung an die Truppen des Warschauer Paktes 1968 als Verräter gilt. S. dazu den Beitrag „Schuld sind immer die anderen!“ vom Juni 2014.  

  2. An dieser Stelle kann ich auf meine eigene Erfahrung verweisen, die sicher nicht repräsentativ und auch schon älter ist, aber die Problematik verdeutlicht. Weil der Geschichtslehrer krank geworden ist, kam die Klasse im Geschichtsunterricht nur bis zur Schlacht von Stalingrad. Leider ist die jüngste Vergangenheit am Ende der Lehrpläne angesiedelt. Fallen einige Stunden aus oder wird über ein Thema länger gesprochen, ist die Gefahr groß, dass die neueste Geschichte unter den Tisch fällt. So spannend es auch sein mag, über die Antike oder über die Vorgänger der Slowaken im Karpatenbecken (jeweils etwa 12 Stunden im Lehrplan) zu hören, sollte die Zeitgeschichte meines Erachtens Vorrang haben.