10 Jahre „Geschichten des 20. Jahrhunderts“

[Eine aktualisierte und erweiterte Fassung dieses Beitrags erschien im Juni 2016 auf der Webseite erinnerung.hypotheses.org.]

„Es beginnen die Geschichten des 20. Jahrhunderts. Regelmäßig zu dieser Zeit versuchen wir bekannte und vergessene Ereignisse der Zeitgeschichte zu beleuchten. Wir erzählen Schicksale, die vergessen wurden oder vergessen werden sollten. Auch die tschechische Geschichte hat ihre Helden und Feiglinge, dunkle Perioden und Momente der großen Taten.“

Seit 10 Jahren wird mit diesen Worten die dokumentarische Sendereihe des Tschechischen Rundfunks „Geschichten des 20. Jahrhunderts“ eingeläutet. Seitdem entwickelte sich die Reihe, in der Zeitzeugen zu Wort kommen, zu einem der beliebtesten Sendeformate mit über 480 Sendungen.

Die Zeitzeugeninterviews werden von Dokumentaristen der gemeinnützigen Gesellschaft Post Bellum geführt und in der Datenbank „Paměť národa“ (Gedächtnis des Volkes) gespeichert, die nach einer Registrierung im E-Lesesaal (e-badatelna) unter http://www.pametnaroda.cz/ zugänglich ist. Aktuell sind dort fast 6000 Zeitzeugen verzeichnet, die nicht nur in Tschechien, sondern in verschiedenenen europäischen Ländern im Rahmen von verschiedenen Oral-History-Projekten befragt wurden.

Neben der Radiosendung gibt es in Tschechien einen gleichnamigen dokumentarischen Wettbewerb, an dem sich Schüler, Studenten und interessierte Öffentlichkeit mit eigens aufgezeichneten Zeitzeugeninterviews beteiligen können. In den drei Jahrgängen des Wettbewerbs wurden insgesamt 360 Geschichten in drei verschiedenen Kategorien gesammelt. Darüber hinaus publizierten die Autoren der Sendung Adam Drda und Mikuláš Kroupa ausgewählte Geschichten der Zeitzeugen in drei Publikationen. Während die Bücher „Kruté století“ (Das grausame Jahrhundert) und „V komunismu jsme žít nechtěli“ (Im Kommunismus wollten wir nicht leben) die Erzählungen der Zeitzeugen textuell verarbeiten, enthält das letzte Buch – „Ještě jsme ve válce“ (Noch sind wir im Krieg) – 13 Comics, die von 13 Künstlern anhand ausgewählter Zeitzeugenberichte gezeichnet wurden 1).

Ein solches zeitgeschichtliches Projekt, das die jüngste Vergangenheit berührt, stößt nicht nur auf positive Reaktionen. Im Oktober 2015 beklagte der Direktor von Post Bellum Mikuláš Kroupa die mangelnde Unterstützung seitens der Vertreter einiger politischer Parteien, die „die eigene Vergangenheit noch nicht aufgearbeitet haben“. Kroupa nannte neben der Kommunistischen Partei auch die Sozialdemokraten und die Partei des tschechischen Finanzministers Andrej Babiš2), dessen angebliche Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit Gegenstand eines Gerichtsprozesses wurde. In der Slowakei stellte die rechtsradikale Partei von Marán Kotleba gegen Post Bellum Strafanzeige wegen des Verdachts der Propagierung des Zionismus. Der Anlass für die Anzeige war eine Bildunterschrift unter dem Foto einer Holocaust-Überlebenden in einer Ausstellung von Post Bellum in der Fußgängerzone in Banská Bystrica, in der die Mitgliedschaft der Frau in einer zionistischen Bewegung erwähnt wurde.

Abgesehen von der Kritik seitens der Politik antworten die Vertreter von Post Bellum oft auf Einwände, die den Aussagewert und die Glaubwürdigkeit der Geschichten betreffen und die allgemeinen Zweifel an der Oral-History-Methode zum Ausdruck bringen. Mikuláš Kroupa bestritt in dem schon erwähnten Interview nicht, dass die Erzählungen der Zeitzeugen Ungenauigkeiten beinhalten, die aus Gedächtnislücken, aber auch aus absichtlichen Anpassungen, die den Erzähler in einem besseren Licht erscheinen lassen, resultieren können. In einem anderen Interview wehrte sich Kroupa gegen den Vorwurf, dass die Geschichten den Erfahrungen der Mehrheit der Bevölkerung nicht entsprechen, weil Erzählungen von Häftlingen, Verfolgten und Widerstandskämpfern überproportional vertreten sind.

Tatsächlich begünstigen die Zeitzeugeninterviews die Opfer- und Heldengeschichten. Denn wer will schon Täter sein? Während es in der Sammlung „Pamět národa“ Interviews mit knapp 400 politischen Häftlingen der 1950er Jahre, 100 Opfern der Kollektivierung, 152 antikommunistischen Widerstandskämpfern und 155 Opfern der Verfolgung der Kirchen gibt, waren nur 16 Agenten und 23 Mitarbeiter der Staatssicherheit, 23 kommunistische Funktionäre, 6 Ermittler und 11 Gefängnisaufseher zu einem Interview bereit3).

Gerade an den Interviews mit den ehemaligen Mitarbeitern des Staatsapparats zeigt sich die Wirkung der heutigen Perspektive am eindrucksvollsten. Mehrere der befragten Zeitzeugen gehen auf ihre Beweggründe, der Staatssicherheit oder der kommunistischen Partei zu dienen, ein und rechtfertigen sich, indem sie betonen, dass sie sich damals nicht für Politik interessierten, wenig Informationen hatten, das Abenteuer suchten oder einfach ihre Arbeit machten. Nicht selten fragt auch der Interviewer danach, wie der Zeitzeuge sein Leben bewerte, ob er etwas bereue oder ob er sich dessen bewusst sei, dass er ein Instrument totalitärer Macht gewesen war. Die Aussage des Richters der Schauprozesse Karel Vaš, dass er absichtlich niemandem Leid angetan, aber auch keine Gaunerei toleriert hatte, kommentierte der Interviewer Mikuláš Kroupa in der Sendung mit den Worten: „Eine schaurige Aussage eines Mannes, den politische Häftlinge ‚Richter Henker‘ nannten.“

Solche Urteile, die anhand von aktuellen Bewertungsmaßstäben und heutigen Sichtweisen auf das kommunistische Regime gefällt werden, sowie nachträgliche Legitimationen für das damalige Handeln können die Zeitzeugeninterviews als eine fragwürdige historische Quelle erscheinen lassen. Doch wenn die Zeitzeugeninterviews wie alle anderen Quellen – Verwaltungsakte, Fotografien usw. – behandelt werden, d. h. der Quellenkritik unterzogen, in Bezug zu anderen Quellen gesetzt und auf ihre Eignung für die Beantwortung der konkreten Fragestellung überprüft werden, sind sie für die historische Forschung nicht weniger wert als die vermeintlich objektiven Quellen. Insbesondere für die Zukunft entsteht mit der Datenbank der Zeitzeugeninterviews ein wichtiges Zeugnis über die gegenwärtige Sicht auf das 20. Jahrhundert und die Verarbeitung der Vergangenheit durch die heutige Gesellschaft. Darüber hinaus zeigt die Beliebtheit der „Geschichten des 20. Jahrhunderts“, wie wichtig solche Projekte für die Popularisierung der Geschichte sind und wie stark sie die Erinnerungskultur eines Landes zu prägen vermögen.


  1. Mehr zum Buch unter http://www.goethe.de/ins/cz/prj/jug/the/com/de11043187.htm  

  2. http://zpravy.aktualne.cz/domaci/cesky-narod-trpi-komplexy-spatneho-svedomi-rika-mikulas-krou/r~ebc09c12725f11e5bd0a002590604f2e/ [Letzter Zugriff: 19.5.2016] 

  3. Ein Zeitzeuge kann mehreren Kategorien zugeordnet werden.