Schuld sind immer die Anderen!

Als im Februar 2014 der ehemalige kommunistische Politiker Vasiľ Biľak gestorben war, brach in Internetdiskussionen ein Shitstorm über ihn los. Obwohl auch in der Slowakei der Grundsatz „über Tote sagt man nichts Schlechtes“ gilt, wurde in diesem Fall die Missachtung dieses Prinzips als berechtigt angesehen, handelte es sich doch um einen „Verräter der Nation“, der „mit den Russen kollaborierte“. Auch der politische Kommentator Tomáš Gális schrieb in der Einführung zu seinem Kommentar „Stúpal a postúpal“ (Er stieg auf und trat [andere] nieder), dass man bei vielen kommunistischen Politikern auch etwas Positives an ihrem Wirken finden könne, während es bei Biľak schwer möglich sei. Damit legitimierte Gális seine negative Bilanz des „Hochverräters“, den er im Artikel für „Lehren aus der Krisenentwicklung, Säuberungen, das verpatzte Leben seiner Mitbürger und das Einladungsschreiben“1) verantwortlich machte. Die Einstellung der Slowaken gegenüber Biľak fasste die tschechische Zeitung Mladá Fronta in der Schlagzeile „Biľak lebte bis zu seinem Tod in einer ruhigen Villa am Slavín Hügel. Hoffentlich endet er in der Hölle, glauben die Slowaken“2).

Wer war also dieser „Verräter“, dem so viel angelastet wird und der auch nach seinem Tod bei vielen Menschen verabscheut wird? Vasiľ Biľak, 1917 geboren, war 1968 Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Slowakei und hatte somit das wichtigste politische Amt in der Slowakei inne. 1968 soll er zusammen mit vier weiteren Funktionären der Kommunistischen Partei (Jindra, Kolder, Kapek und Švestka) in dem sogenannten Einladungsschreiben (zvací dopis) die Hilfe der UdSSR bei der Zurückdrängung der konterrevolutionären Situation in der Tschechoslowakei angefordert haben. Bereits 1968 wurde er dafür als Verräter angesehen, wie die zahlreichen Aufschriften an den Wänden belegen3).

Nach 1989 wurde ihm der Prozess wegen Friedensstörung gemacht, der aber 2011 eingestellt wurde, da es nicht möglich war, wichtige Zeugen aus der Tschechischen Republik zu vernehmen. Als problematisch erwies sich auch die Tatsache, dass es nicht gelungen ist, das Original des Einladungsschreibens aus Moskau zu bekommen. In der Diskussion der Zeitung SME unter einem Artikel über die Einstellung des Prozesses4) gibt es insgesamt 589 Kommentare. Diese ungewöhnlich hohe Anzahl der Beiträge zeigt, dass Biľak noch lange nach seinem Ausscheiden aus der Politik für hitzige Debatten sorgen konnte. Neben zahlreichen Beschimpfungen findet sich in der Diskussion oft die Meinung, dass Biľak (schon längst) hätte erhängt werden sollen.

Die negativen Emotionen gegenüber Biľak versuchte sich auch der Abgeordnete des slowakischen Parlaments Alojz Hlina zunutze zu machen, als er im August 2012 das Rohr eines Panzers auf Biľaks Haus richtete. Er begründete es damit, dass der Hochverräter Biľak nie verurteilt worden wäre und dass er am eigenen Leib erfahren sollte, wie es sei, in das Rohr eines Panzers hineinzuschauen. Zugleich bezeichnete er die Aktion als eine Gedenkveranstaltung an die 108 Opfer der Invasion, womit er Biľak indirekt die Schuld daran zusprach5).

Wie kann man diese starke Feindseligkeit, die Biľak seitens der Slowaken entgegenschlug, erklären? Obwohl die Echtheit des Einladungsschreibens inzwischen nicht angezweifelt wird und Biľak selbst die Existenz eines solchen Briefes bestätigte, kann davon ausgegangen werden, dass das Schreiben für den Einmarsch nicht ausschlaggebend war. Es war vielmehr als Legitimation der Intervention geeignet, indem die UdSSR darauf hinweisen konnte, dass eine solche „internationale Hilfe“ seitens der „gesunden Kräfte innerhalb der KPČ“ gewünscht wird, aber der Einfluss auf die tatsächliche Entscheidung der sowjetischen Führung kann als marginal eingestuft werden. Trotzdem wird Biľak für viele Folgen des Einmarsches sowie für die Opfer verantwortlich gemacht, wie die oben genannten Beispiele zeigen.

Der Grund dafür kann m. E. in zwei Faktoren gesehen werden. Erstens ist es die Unmöglichkeit, die wichtigen Akteure und die tatsächlich Verantwortlichen zu bestrafen. Dass die Slowaken den Einfall der Sowjetunion (die im öffentlichen Diskurs oft mit Russland gleichgesetzt wird) als Unrecht empfinden und immer noch eine Entschuldigung dafür erwarten, zeigte der Besuch des russischen Präsidenten Medvedev im April 2010. Die slowakischen Medien schürten vor dem Besuch die Erwartung, dass Medvedev sich für das Jahr 1968 entschuldigen würde und kritisierten nach dem Besuch in zahlreichen Artikeln, aus denen die Ernüchterung deutlich zu spüren war, das Verschweigen der „Okkupation“6). Die Bestrafung der Akteure, die sich der slowakischen Gerichtsbarkeit nicht entziehen können, wie z. B. Biľak, wird somit zu einem wichtigen Akt der späten Gerechtigkeit, die als Ersatz für eine vollständige juristische Aufarbeitung gesehen wird.

Zweitens – und noch wichtiger – kann die Beschränkung der Kollaboration auf einige prominente Akteure als eine Entlastungsstrategie der Nation dienen, die das bei vielen Nationen so beliebte Opfernarrativ stützt. Die vielen „kleinen“ Kollaborateure und die passive, schweigende Mehrheit, die keinen Widerstand leistete und sich später direkt oder indirekt an den Säuberungen und der Durchsetzung der Normalisierung beteiligte, verschwindet hinter den „verräterischen“ Einzeltätern wie Biľak, die folglich aus der Nation ausgeschlossen werden. Bei Biľak funktionierte dieser Ausschluss aus der nationalen Gemeinschaft nicht nur über sein Handeln, sondern auch über seine russinische Herkunft, die in vielen Kommentaren zu seiner Rolle 1968 angemerkt wurde. Damit wird die Nation zum Opfer der fremden Okkupanten und der einzelnen Verräter, während das positive Selbstbild aufrechterhalten wird.

Fußnoten


  1. „Lehren aus der Krisenentwicklung in Partei und Gesellschaft nach dem XIII. Parteitag der KPTsch“ war ein 1970 verabschiedetes Dokument, mit dem die Phase der sogenannten „Normalisierung“ eingeleitet wurde. S. Gális, Tomáš: Stúpal a postúpal, 6.2.2014, im Internet: http://komentare.sme.sk/c/7093645/stupal-a-postupal.html [Letzter Zugriff: 16.06.2014] 

  2. Palata, Ľuboš: Biľak dožil v klidné vile pod Slavínem. Snad skončí v pekle, věří Slováci, 6.2.2014, im Internet http://zpravy.idnes.cz/umrti-vasila-bilaka-04p-/zahranicni.aspx?c=A140206_160626_zahranicni_jav [Letzter Zugriff: 16.06.2014] 

  3. S. Im Internet: Fotogalerie „Plakáty a nápisy na zdech“ beim Ústav pro soudobé dějiny Akademie věd České republiky, Foto 9: http://www.68.usd.cas.cz/cz/datsogallery/146.html Foto 13: http://www.68.usd.cas.cz/cz/fotografie/150.html Foto 14: http://www.68.usd.cas.cz/cz/fotografie/218.html [Letzter Zugriff 16.06.2014] 

  4. S. Diskussion zum Artikel „Biľaka už súd nevypočuje“, im Internet http://www.sme.sk/c/5734286/bilaka-uz-sud-nevypocuje.html [Letzter Zugriff 16.06.2014] 

  5. Video aus dieser Aktion im Internet: https://www.youtube.com/watch?v=L6hkhYEVbNs [Letzter Zugriff: 16.06.2014] 

  6. S. dazu die die Übersicht der Berichterstattung zum Besuch Medvedevs, im Internet http://www.monitorujem.sk/sport/417831/ospravedlnenie-za-rok-1968-medvedev-nepriniesol [Letzter Zugriff: 17.06.2014] 

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