Ludvík Vaculík – ein Intellektueller in der sozialistischen Tschechoslowakei

Am 6.6.2015 starb in Prag der Schriftsteller Ludvík Vaculík. Obwohl er mit seinem Roman „Das Beil“, bereits in den 1960er Jahren bekannt wurde und seine Werke später in mehrere Fremdsprachen übersetzt wurden, war er seit der frühen 1970er für 20 Jahre arbeitslos und dem Vorwurf des Schmarotzertums ausgesetzt. Ein bedauerlicher Ausnahmefall eines Intellektuellen, der sich im Leben jenseits der philosophischen Debatten nicht zurechtfinden konnte?

Nein, die Normalität des normalisierten Landes. Denn Vaculíks Lebenslauf kann in vielerlei Hinsicht als typisch für einen Intellektuellen in der sozialistischen Tschechoslowakei gelten. Aus einfachen Verhältnissen kommend begeisterte sich Vaculík in den 1950er Jahren für die Ideen des Kommunismus, studierte an einer Hochschule und wurde zum Journalisten. Wie viele andere Intellektuelle glaubte er daran, mit der Kommunistischen Partei, in die er bereits 1945 eingetreten war, eine bessere Zukunft aufzubauen. Im 1968 veröffentlichten Manifest Dvatisíce slov (Manifest der 2000 Worte)heißt es zu der neuen Hoffnung der tschechoslowakischen Gesellschaft nach dem Krieg:

„Ursprünglich hat der Krieg das Leben unseres Volkes bedroht. Dann kamen weitere schlechte Zeiten mit Ereignissen, die die seelische Gesundheit unseres Volkes und seinen Charakter bedrohten. Mit Hoffnung hatte die Mehrheit des Volkes das Programm des Sozialismus aufgenommen.“1)

Nach dem XX. Parteitag der KPdSU1956 kam bei vielen Intellektuellen Ernüchterung über die tatsächliche Entwicklung des Landes auf, die Vaculík in dem 1966 publizierten Roman „Das Beil“ sowie in seinem gesellschaftskritischen Redebeitrag auf dem IV. Kongress der tschechoslowakischen Schriftsteller im Juni 1967 zum Ausdruck brachte. Daraufhin wurde Vaculík aus der Partei ausgeschlossen, aber schon ein Jahr später wurde er unter der neuen Führung um Dubček rehabilitiert und veröffentlichte 1968 das bereits erwähnte Manifest der 2000 Worte, das zu einem der wichtigsten Dokumente des Prager Frühlings wurde und in dessen Zuge sich die sowjetische Kampagne gegen den tschechoslowakischen Reformprozess noch verstärkte. Auch dort wird die Enttäuschung über die Entwicklung der KPČ deutlich:

„Die Kommunistische Partei, die vor dem Kriege in weitem Umfang das Vertrauen des Volkes genossen hatte, hat dies Vertrauen sukzessive gegen Ämter eingetauscht, bis sie endlich alle diese Ämter bekommen hatte und nichts anderes mehr besaß. Wir müssen es so ausdrücken, und das wissen auch jene Kommunisten unter uns, die von den Ergebnissen ebenso enttäuscht sind wie die Außenstehenden.“

Nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen verlor Vaculík seine Stelle bei der Zeitschrift des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes Listy. Damit erging es ihm wie Tausenden anderen, die in der „normalisierten“ Tschechoslowakei für ihr Engagement während des Reformprozesses bestraft wurden. Anders als viele seiner Mitstreiter lehnte es Vaculík jedoch ab, minderwertige Arbeiten auszuüben und die Reihen der hochgebildeten Baggerfahrer (Milan Šimečka), Fensterputzer (Rudolf Battěk), Hilfsarbeiter (Karel Bartošek) oder Bauarbeiter (Jiří Gruša) zu erweitern. Denn wie Vaculík später erläuterte, war die Abschiebung der Intellektuellen in Arbeiterberufe eine Strategie der Partei, um ihren Kritikern kostbare Zeit für oppositionelle Aktivitäten zu rauben:

„Entweder zu emigrieren, nicht zu schreiben, oder wenn ich schon schreibe, mich nur um meine eigenen Texte zu kümmern – d.h. meinen Samisdat-Verlag, die Edice Petlice, aufzugeben. Wenn es nach den Kommunisten gegangen wäre, hätte ich am besten einen Arbeiterberuf ausüben sollen, der mich so sehr entkräftet, dass ich keine Zeit mehr für andere Dinge habe.“2)

Stattdessen lebte Vaculík als „Schmarotzer“ (sprich: ohne den entsprechenden Stempel des Arbeitgebers im Personalausweis) von Honoraren aus dem Ausland, engagierte sich als Dissident und gründete den Samizdat-Verlag Petlice, in dem als erstes Buch Vaculíks erfolgreicher Roman „Das Meerschweinchen“ erschien. Dieser Roman, zusammen mit anderen Publikationen Vaculíks, konnte aber in der Tschechoslowakei erst nach 1989 offiziell erscheinen.

Während der Samtenen Revolution 1989 glaubte er nicht an die Wiederaufnahme der Ideale von 1968 und an einen neuen Anlauf für den Sozialismus mit menschlichem Antlitz, sondern hoffte darauf, dass die Menschen Probleme der beiden Systeme einsehen und vermeiden werden. Einige Jahre später behauptete er in einem Interview, dass die Menschen weder aus den Fehlern des Kapitalismus noch aus denen des Sozialismus gelernt hätten. Auf eine neue Hoffnung folgte also einmal wieder eine Phase der Ernüchterung. Gefragt, ob es sich denn lohne, für seine Ideale zu kämpfen, antwortete Vaculík in einem Interview im Jahre 1997:

„Man ist glücklich, wenn man sich nicht für das politische System interessiert und dieses so gut ist, dass es einem ermöglicht. Oder wenn man mit dem System unzufrieden ist, aber eine eigene Strategie hat, um damit klarzukommen. Denn wenn man für etwas kämpft, dann tut man es sowieso für sich selbst. Für das eigene Gewissen und die eigene Gesundheit. Sich von etwas quälen zu lassen und sich nicht dagegen zu erheben, das ist krank.“3)


  1. Manifest der 2000 Worte (Link zu pdf) Letzter Zugriff: 9.6.2015 

  2. (Link zum Interview)) Letzter Zugriff: 9.6.2015 

  3. (Link zum Interview)) Letzter Zugriff: 9.6.2015 

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