Das „authentische“ Denkmal und die „wahre“ Geschichte

Regimewechsel werden oft von Denkmalstürzen begleitet oder gefolgt. Die alten Denkmäler werden entfernt, weil sie als Zeichen des besiegten Regimes gesehen werden. Mit neuen Denkmälern werden neue politische Machtverhältnisse in den öffentlichen Raum eingeschrieben. Es gibt Denkmäler, die mehr oder weniger spontan von Menschenmassen, die sich gegen das aktuelle politische System wenden, beseitigt werden, wie z. B. die Lenin-Statuen in den ukrainischen Städten Kiew und Charkiv, die im Zuge der Proteste auf dem Maidan gestürzt wurden. Oft sind aber Denkmalstürze ein Ergebnis politischer Entscheidungen und werden sorgfältig vorbereitet. Im Gegensatz zu den spontanen Aktionen werden in dem zweiten Fall nicht selten öffentliche Debatten geführt und die alten Denkmäler werden nicht nur beseitigt, sondern auch mit neuen ersetzt.

Wer glaubte, dass nach 25 Jahren die Debatten um Denkmäler in den ostmitteleuropäischen Ländern, die ein vergleichsweise stabiles politisches System aufweisen und als demokratisch gelten, endgültig beendet wurden, wurde mit der Diskussion um das Denkmal Dukla in der Slowakei eines Besseren belehrt. Zum 70. Jahrestag der Schlacht um den Dukla-Pass entschied sich das Militärische Historische Institut (Vojenský historický ústav), das Denkmal umzugestalten oder wie es heißt, „ihm seine ursprüngliche Gestalt zu geben“.

Das erste Denkmal, das einen tschechoslowakischen Soldaten zeigte, wurde in Dukla 1949 aufgestellt und in den 50er Jahren wieder entfernt. Nach einem kurzen Intermezzo, wo sowohl ein tschechoslowakischer als auch ein sowjetischer Soldat, dem ein kleines Mädchen einen Blumenstrauß überreichte, in der Darstellung des Denkmals Platz gefunden haben, wurde 1964 die Statuengruppe „Ich klage an“ vom Bildhauer Jan Kulich aufgestellt. Sie zeigt eine weinende Frau, die von einem sowjetischen Soldaten getröstet wird. Dies entsprach den ideologischen Vorgaben der Kommunistischen Partei, die in dem Denkmal die Idee der tschechoslowakisch-sowjetischen Freundschaft umgesetzt sehen wollte, wie Archivdokumente belegen.

Nun wurde also dieses Denkmal entfernt und durch eine Kopie des ersten Denkmals von 1949 ersetzt, da das Original mit höchster Wahrscheinlichkeit zerstört wurde. Dieser Schritt löste Diskussionen aus. Es kam der Vorwurf auf, dass die Entfernung des Denkmals in Folge der internationalen Situation und der gespannten Beziehungen zu Russland erfolgt sei. Dagegen hielt der Vorsitzende des Militärischen Historischen Instituts Miloslav Čaplovič, der behauptete, dass der Austausch des Denkmals schon länger vorbereitet wurde. Außerdem wies er darauf hin, dass die heutige Entfernung der Denkmäler nicht mit der des kommunistischen Regimes verglichen werden kann (wie einige Kritiker behaupten), da das Werk von Kulich heutzutage nicht zerstört, sondern nur verschoben werde. Die alte Statuengruppe soll nämlich im Bereich des Aussichtsturmes platziert werden. Die Kritiker erinnerten daran, dass das Dukla-Denkmal von Kulich schon seit 50 Jahren an dieser Stelle stehe und daher in der Erinnerung der Bevölkerung als ursprünglich und „seit unvordenklichen Zeiten da stehend“ angesehen werde.

Sowohl die Kritiker als auch die Befürworter der Beseitigung des Denkmals und seiner Ersetzung durch die Kopie des älteren Denkmals argumentierten also mit der „Ursprünglichkeit“, die Authentizität und Glaubwürdigkeit impliziert. Diese Suche nach dem „ursprünglichen, authentischen“ Denkmal erinnert an die Suche nach der „wahren (nationalen) Geschichte“. Mit neuen politischen Regimen wird die Geschichte eines Volkes oft neu geschrieben, wobei geglaubt wird, dass man die Geschichte nun von „Verfälschungen und Deformationen“ des alten Regimes bereinigt und die „wahre Geschichte“ ans Licht bringt. Dabei handelt es sich aber nur um eine weitere Geschichtsfolie, die von der Perspektive des Betrachters abhängig ist, bestimmten Ereignissen Aufmerksamkeit schenkt und andere Aspekte ausblendet. Die Vergangenheit ist nämlich zu komplex, um sie in ein Schulbuch, ein paar Feiertage, Denkmäler und Gedenktafel hineinstopfen zu können. Die eine wahre Geschichte und das eine authentische Denkmal gibt es nicht. Wie ein Journalist der Zeitung Pravda anmerkte, hat man in der Slowakei noch nicht verstanden, dass Denkmäler auch einfach nebeneinander stehen können1), sozusagen als Zeugnisse von verschiedenen Sichtweisen, die sich nicht unbedingt widersprechen müssen, sondern sich auch ergänzen können. Die Realität sieht immer noch so aus, dass meist alte Denkmäler entfernt werden müssen, um neue aufzustellen. Zumindest wird aber nun das alte Denkmal nicht vernichtet, sondern lediglich an eine weniger prominente Stelle abgeschoben.


  1. S. dazu Peter Javůrek. História a hystéria, 1.10.2014 http://nazory.pravda.sk/komentare-a-glosy/clanok/331743-historia-a-hysteria/ [Letzter Zugriff: 29.10.2014] 

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