Ein (fiktives) Archiv in Ostmitteleuropa

Bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Vergangenheit führt meistens kein Weg an Archiven vorbei. Sie sind Fundorte von Schätzen, die zum besseren Verständnis vergangener Entwicklungen beitragen oder bis dahin unbekannte Ereignisse und Entscheidungen ans Licht bringen. Um diese Juwelen zu entdecken, ist der Historiker auf die Unterstützung der Mitarbeiter im Archiv angewiesen. Leider vermitteln einige (wenige) Archivare den Eindruck, die Archivalien vor den Historikern derart schützen zu müssen, dass diese sie gar nicht in die Hände bekommen1).

Das Archiv liegt im Niemandsland. Ein Historiker ohne Auto kommt also schon mal gar nicht hin. Im besseren Fall kann er den Weg ins Archiv mit einem kleinen, dreiviertelstündlichen Spaziergang meistern oder nimmt den O-Bus, der täglich eine Verspätung hat, weswegen der Bus-Anschluss ins Archiv verpasst wird. Zum Glück fahren diese Busse im Halbstundentakt, so dass man etwa 40 Minuten nach dem ursprünglich geplanten Arbeitsbeginn tatsächlich vor dem Archiv steht. Das graue Archivgebäude in sozialistischer Bauweise erscheint als eine nahezu unerreichbare Festung.

Bei der Ankunft wird man von besonders schlecht gelaunten Mitarbeitern „begrüßt“. Schon bei der Nennung des Arbeitstitels weiß die Archivarin: „Dazu haben wir nichts!“ Man möchte aber doch selber nachschauen, denn man weiß, dass kein Arbeitstitel so genau ist, um alle Aspekte einer umfassenden Studie zu erfassen. Na gut! Wenn man bis dahin nicht abgeschreckt wurde, werden einem die Schränke mit den Findmitteln gezeigt. Die Informationen zum Ausfüllen von Formularen fürs Fotografieren und für Bestellungen kommen stückweise. Damit ist vorprogrammiert, dass etwas falsch gemacht wird, was von dem Archivar mit entsprechenden Kommentaren und einem vielsagenden Gesichtsausdruck begleitet wird. Auch wird man zurechtgewiesen, wenn man nicht sofort kommt, um gnädigst um die nächste Archivschachtel zu bitten, sondern vor dem aus dem Büro gut einsehbaren Ausgabefenster wartet, in der Hoffnung, dass man den Gang ins Büro der Mitarbeiter, die einem unmissverständlich zeigen, wie sehr sie von den lästigen, immer etwas wollenden Besuchern gestört werden, vermeiden kann.

Bei der Bestellung von Archivalien erfährt man, dass die Bereitstellung drei Tage dauert. Das bedeutet, dass man nun zwei Tage Zeit hat, die bezahlte Unterkunft zu genießen. Froh können Forscher sein, die am Standort des Archivs wohnen und die zweitägige Lücke mit anderen sinnvollen Tätigkeiten füllen können. Die Digitalisierung der Findmittel und die Möglichkeit im Voraus per Email zu bestellen könnten zwar dieses Problem lösen, aber ein Blick auf die Webseite des Archivs macht einen eher skeptisch, dass das jemals passiert. Dazu kommt eine Begrenzung auf drei Archivschachteln pro Tag, egal ob man alle 400 Blätter aus dem Schachtel braucht oder nur ein zweiseitiges Dokument. So sehr man Verständnis für die Mitarbeiter, die diese Materialien vorbereiten müssen, hat, sind drei Schachteln sehr bescheiden. Damit wird aber sichergestellt, dass die wenigsten Forscher die vollen Öffnungszeiten von 8 bis 15 Uhr nutzen, so dass Zwangsmaßnahmen wie z. B. eine halbe Stunde vor der Schließung das Licht ausschalten, wie es von einigen anderen Archiven bekannt ist, gar nicht nötig sind. Zumal das Licht oft gar nicht angeschaltet ist (ähnlich wie die Heizung), was auch zu einer zügigen Arbeitsweise beiträgt. Darüber hinaus vermeidet die nicht vorhandene Internetverbindung effektives Arbeiten und damit unnötiges Sitzen in dem Archiv.

Für das Fotografieren der Materialien fallen 13 € und ein paar Cent pro Tag (und damit pro 3 Archivschachteln) an, egal wie viel man fotografieren muss. Natürlich hat man theoretisch die Möglichkeit, Kopien anfertigen zu lassen, aber da dies mit einem weiteren Gang ins Büro der Mitarbeiter verbunden ist, macht es kaum jemand. Denn in diesem Fall stört man nicht nur dadurch, dass man ins Büro reinkommt, sondern auch dadurch, dass die Archivarin mit dem Kopieren beschäftigt wird, da es nicht erlaubt ist, selbst zu kopieren. Deswegen zahlt man lieber die 13 € und ein paar Cent („Möglichst genau, bitte!!!“) und kann nun ungestört fotografieren und sogar aufs Handy schauen (wenn es gemacht wird, ohne fürs Fotografieren bezahlt zu haben, glauben die Mitarbeiter sofort, man versuche heimlich, Fotos anzufertigen, weswegen man im Leseraum und somit zur Freude aller anderen Forscher angeschrien wird).

Wenn man dann am frühen Nachmittag das Archiv verlässt, bedankt man sich bei den Mitarbeitern sehr freundlich, denn ein Archiv ist nun mal kein Restaurant. Wenn mir in einem Restaurant nicht schmeckt und das Personal unfreundlich ist, gehe ich da nie mehr hin. Wenn mir in einem Archiv nicht gefällt, muss ich entweder auf das Material, was dort liegt, (und damit oft auf das zu erforschende Thema) verzichten oder ich muss wieder kommen. Also – dann bis zum nächsten Mal.


  1. In folgenden Ausführungen wird ein fiktives ostmitteleuropäisches Archiv beschrieben. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder Archiven sind rein zufällig und nicht beabsichtigt 

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