Die Suche nach der richtigen historischen Parallele in tschechischen Debatten zur Krim-Krise

Im tschechischen Verhältnis zu Russland lassen sich in der Vergangenheit verschiedene Phasen identifizieren, die von den panslavistischen Vorstellungen des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts, der Wahrnehmung Russlands als Befreier der Tschechoslowakei im Zweiten Weltkrieg und des traumatischen Ereignisses des Prager Frühlings maßgeblich geprägt wurden. Dabei ist insbesondere das letztgenannte Ereignis immer noch stark präsent und belastet die gegenwärtigen Beziehungen. Die Diskussionen, die die Ukraine-Krise auslöste, brachten viel von den alten Ängsten und den nationalen Traumata (nicht nur im Verhältnis zu Russland) an die Oberfläche. Gemischt mit aktuellen Interessen führten sie zu Auseinandersetzungen darüber, wo die historischen Parallelen zur Ukraine-Krise gesucht werden sollten.

Eine Parallele zum Einmarsch der „russischen“1) Truppen in die Tschechoslowakei 1968 kann auf den ersten Blick einleuchtend erscheinen, weil dieser Einmarsch das tschechische Verhältnis zu Russland wesentlich geprägt hat und immer noch prägt. In der tschechischen Bevölkerung war sie auch verbreitet, wie die Meinungsumfrage von Anfang März nahelegt, denn fast die Hälfte der Befragten erinnerte die Okkupation der Krim an die Okkupation der Tschechoslowakei 19682). In den Medien scheint sie aber nicht zu der am häufigsten verwendeten Parallele im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise geworden zu sein3). Sie erschien in einigen Zeitungen und wurde auch vom tschechischen Außenminister Lubomír Zaorálek in seinem Artikel „Ruské užití síly je neobhajitelné“ für die Zeitung Právo eingesetzt4).

Visuell umgesetzte Verweise auf das Jahr 1968 finden sich in der täglichen Karikatur der Zeitung Mladá fronta Dnes. Zum Beispiel finden sich Anspielungen auf den Begriff „brüderliche Hilfe“5), der im tschechischen Diskurs mit dem Jahr 1968 assoziiert wird, sowie das Einladungsschreiben6), mit dem die Hardliner in der KPČ 1968 die Hilfe des Warschauer Paktes angefordert haben sollen. Das Thema des Einladungsschreibens wurde aber wohl auch deswegen so prominent, weil einer der Unterzeichner des Schreibens im Februar 2014 gestorben war, weswegen viele Karikaturen darauf Bezug nehmen und dies mit der Situation der Ukraine vergleichen.

In den Medien wird aber, soweit ich es überblicken kann, am häufigsten ein Vergleich zum Beginn des Zweiten Weltkriegs gezogen, entweder zum Münchner Abkommen und der Einnahme des Sudetenlandes oder zum Anschluss Österreichs. Das Münchner Abkommen von 1938 wird von vielen als eines der wichtigsten traumatischen Ereignisse der tschechischen Geschichte gesehen. Daher ist ein Vergleich der Ukraine-Krise mit diesem Ereignis dazu geeignet, in der tschechischen Gesellschaft Solidarisierungseffekte hervorzurufen. Auch kann damit begründet werden, warum die tschechische Regierung handeln und der Ukraine z. B. Waffen anbieten oder die Diskussionen über das amerikanischen Raketenabwehrsystem in Tschechien erneuern sollte7). Der Historiker Timothy Snyder fasste diesen Gedankengang in seinem Interview für die Zeitung Lidové Noviny und ihre Samstagbeilage Česká pozice in dem Satz: „[W]enn ich Tscheche wäre, dann würden mich die aktuellen Ereignisse an die ‚Sudetenfrage‘ erinnern und ich würde von meinen Vertretern erwarten, dass sie sich nicht so verhalten, wie sich die europäischen Regierungen in München verhalten haben.“8)

Angesichts der Ereignisse, die nach dem Anschluss Österreichs und dem Münchner Abkommen folgten, wird der Kritik an der (zumindest von einigen Journalisten) als zurückhaltend wahrgenommenen tschechischen Position in der Ukraine-Krise Nachdruck verliehen. In dem schon zitierten Artikel von Marjanovič wird diese kritische Haltung mit der Zwischenzeile „Hezky česky potichu a za bukem“ (Schön tschechisch still und hinter der Buche [versteckt]) ausgedrückt. Die dem tschechischen Autostereotyp entsprechende Position der Passivität kommt auch in den Karikaturen der Mladá fronta Dnes zum Ausdruck, in denen Russland symbolisch als ein großer Bär dargestellt wird, der die sehr klein gezeichneten Menschen bedroht. In einer dieser Karikaturen halten zwei Menschen, in deren Nähe ein Bär zu sehen ist, Holzspieße mit Würstchen übers Lagerfeuer (ein verbreitetes tschechisches Stereotyp) und beruhigen sich: „Ruhe, gerade hat er einen Camper gefressen, den er am nächsten hatte, und wird jetzt nicht so schnell hungrig.“9)

Neben dieser Erwartungshaltung an die tschechischen Politiker wurden in den Medien auch und im noch stärkeren Maße Erwartungen an den „Westen“ formuliert. In Právo beendet Jiří Hanák seinen Artikel, in dem er Parallelen zwischen der Einnahme des Sudetenlandes und dem Anschluss Österreichs auf der einen Seite und der Ukraine-Krise auf der anderen zieht, mit der Behauptung, dass wir möglicherweise eine ähnliche Dunkelheit wie „unsere Väter und Großväter nach München [Münchner Abkommen]“ erleben werden, wenn der Westen der Ukraine Hilfe verweigere10).

Die beschriebene Position und die Betonung der Parallelen zum Beginn des Zweiten Weltkriegs wird am stärksten von der Zeitung Mladá Fronta vertreten. Die Zeitungen Lidové noviny und Právo nehmen eher eine ambivalente Haltung ein, indem dort sowohl russlandkritische Artikel und Forderungen nach Sanktionen als auch Positionen, die Verständnis für russisches Vorgehen auf der Krim zeigen, erscheinen. Bei den letzteren werden dann auch andere historische Ereignisse zum Vergleich herangezogen. In Právo versucht der Historiker František Mrázek zu zeigen, dass die Annexion der Krim auch den Fehltritten der westlichen Diplomatie anzulasten sei, denn mit der Anerkennung Kosovos und dem Irakkrieg seien Präzedenzfälle geschaffen worden, die jetzt wie ein Bumerang zurückkommen würden11). Außerdem wird daran erinnert, dass auch Russland, genauso wie andere Weltmächte, geopolitische Interessen habe und die heutige Situation wird zum Ersten Weltkrieg verglichen, den „keiner wollte, aber alle brauchten“12). Damit wird impliziert, dass für die Ukraine-Krise nicht Russland allein verantwortlich gemacht werden kann.

Eine interessante Position nimmt in dieser Kontroverse die Zeitung Hospodářské noviny ein, die Beobachtungen zu tschechischen Debatten über die Ukraine-Krise publiziert. So vermutet zum Beispiel Michal Musil, dass eine solche Krise in den 90er Jahren deutlich antirussische Reaktionen in Tschechien hervorgerufen hätte, während es heutzutage auch Stimmen gebe, die Putin verteidigen. Den Grund dafür sieht Musil unter anderem darin, dass für den ehemaligen Präsidenten Klaus und seine Anhänger die EU zum Hauptfeind avanciert sei, weswegen Putin als ein Verbündeter im Kampf gegen die EU erscheinen könne 13). Derselbe Autor warnt vor historischen Parallelen, da man sich immer dessen bewusst sein sollte, dass sich die Geschichte nie zu 100 % wiederhole14).

Dieser Warnung kann man sich nur anschließen, denn wie dieser Artikel zu zeigen versuchte, verstecken sich hinter der Suche nach Parallelen in der Vergangenheit meist konkrete Interessen und Forderungen. So können solche Parallelen Angst vor einem bestimmten Ereignis (z.B. Krieg) hervorrufen, wie in diesem Fall der Vergleich der Ukraine-Krise mit dem Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Sie können Forderungen nach Sanktionen Nachdruck verleihen, indem darauf verwiesen wird, wohin die Nachgiebigkeit gegenüber Hitler führte. Aber sie können auch um Verständnis für die russische Position werben, indem die Krim mit Kosovo oder anderen Ländern, wo „der Westen“ intervenierte, verglichen wird. Die „richtige“ historische Parallele gibt es nicht, es kommt auf den Betrachter beziehungsweise die beabsichtigte Wirkung an.


  1. Obwohl es sich bei dem Einmarsch 1968 um die Truppen des Warschauer Paktes (Sowjetunion, Ungarn, Polen, Bulgarien) handelte, wurde die Aktion in der öffentlichen Wahrnehmung „den Russen“ angelastet, wie zahlreiche Plakate, Flyer und Anschriften an den Wänden belegen. S. dazu die Dokumentation auf der Webseite http://www.moderni-dejiny.cz/clanek/prazske-jaro-ve-fotografiich-symbolech-a-textech-iii-cervenec-21-srpen-1968/ [Letzter Zugriff: 17.7.2014]. 

  2. http://img.ct24.cz/multimedia/documents/56/5517/551663.pdf [Letzter Zugriff: 17.7.2014]. 

  3. Diese Beobachtungen wurden aus der Untersuchung von den vier großen seriösen tschechischen Tageszeitungen (Mladá fronta Dnes, Lidové noviny, Hospodářske noviny, Právo) gewonnen, die aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit und statistische Genauigkeit erhebt. 

  4. Lubomír Zaorálek: Ruské užití síly je neobhajitelné, in: Právo vom 27.3.2014, S. 10. 

  5. http://zpravy.idnes.cz/kemel.aspx?f=MBB533ec6_strop.htm#content [Letzter Zugriff: 17.7.2014]. 

  6. S. Karikatur, die den Parteivorsitzenden der Kommunistischen Partei (KSČM) darstellt http://zpravy.idnes.cz/kemel.aspx?f=JB51f2e7_filip.htm#content, eine Karikatur, in der sich die russischen Soldaten beschweren, dass sie nach der Einführung der kostenlosen Einladungs-SMS nicht wissen werden, wohin zuerst http://zpravy.idnes.cz/kemel.aspx?f=JB51b3f8_kem.htm#content und die Karikatur über ein Einladungsschreiben an Obama http://zpravy.idnes.cz/kemel.aspx?f=MBB51a4ec_putins.htm#content [Letzter Zugriff: 17.7.2014]. 

  7. Als Beispiel s. Teodor Marjanovič, Hlavní padouch triumfuje, ukousl už celý Krym, 17.3.2014 http://zpravy.idnes.cz/komentar-teodora-marjanovice-ke-krymu-rusku-a-ukrajine-pig-/zahranicni.aspx?c=A140317_2045843_domaci_jw [Letzter Zugriff: 17.7.2014]. 

  8. S. Putinův nový precedent: Invazí ke změně hranic, 10.3.2014.
    http://ceskapozice.lidovky.cz/putinuv-novy-precedent-invazi-ke-zmene-hranic-f46-/tema.aspx?c=A140309_084144_pozice_139380 [Letzter Zugriff: 17.7.2014]. 

  9. http://zpravy.idnes.cz/kemel.aspx?f=JB51ec34_kem.htm#content [Letzter Zugriff: 18.7.2014]. 

  10. Jiří Hanák, Jaképak copak, in: Právo vom 12.4.2014, S. 6. 

  11. František Mrázek, Anexe Krymu je také důsledkem selhání západní diplomacie, in: Právo vom 27.3.2014, S. 11. Ein Gedanke in die ähnliche Richtung auch im Artikel von Petr Pietraš, Ukrajina jako arabské jaro: Ani globalizace, ani internet, ale geopolitika, 1.4.2014, http://ceskapozice.lidovky.cz/ukrajina-jako-arabske-jaro-ani-globalizace-ani-internet-ale-geopolitika-136-/tema.aspx?c=A140322_230640_pozice_139555 [Letzter Zugriff: 18.7.2014]. 

  12. Bohumil J. Studýnka, Na Krymu je vymalováno. Teď bude ruský, 10.3.2014, http://ceskapozice.lidovky.cz/na-krymu-je-vymalovano-ted-bude-rusky-dwx-/forum.aspx?c=A140307_115508_pozice_139370 [Letzter Zugriff: 18.7.2014].  

  13. Michal Musil, Putin a jeho shovívaví Češi, 5.3.2014, http://dialog.ihned.cz/komentare/c1-61792910-putin-a-jeho-shovivavi-cesi [Letzter Zugriff: 18.7.2014]. 

  14. Michal Musil, Přepjatost a pátá kolona, 21.5.2014 http://dialog.ihned.cz/komentare/c1-62219370-prepjatost-a-pata-kolona [Letzter Zugriff: 18.7.2014]. 

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