„Schwein“, Diebstähle, Körperverletzung: die slowakische „Debatte“ um das Gedenken an kommunistische Parteifunktionäre

„Schwein“, stand in roter Schrift auf dem Denkmal des kommunistischen Parteifunktionärs Vasil Biľak 1) in seiner Heimatgemeinde Krajná Bystrá am 22. Februar 2015 – nur einen Tag nach der feierlichen Enthüllung. Die Künstler Ľuboš Lorenz und Peter Kalmus begründeten ihre Aktion, bei der sie das Denkmal mit roter Farbe beschmierten, damit, dass Biľak ein Mörder gewesen sei und deswegen kein Denkmal verdiene. Das Denkmal mit der Bronze-Büste des ein Jahr zuvor verstorbenen Politikers ließ die kommunistische Partei der Slowakei errichten, denn Biľak – so die Argumentation – habe für den Aufschwung des Dorfes gesorgt.

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  1. Vasil Biľak war ein kommunistischer Funktionär während der Normalisierung, der vielen wegen seiner Unterschrift unter die Einladung an die Truppen des Warschauer Paktes 1968 als Verräter gilt. S. dazu den Beitrag „Schuld sind immer die anderen!“ vom Juni 2014.  

10 Jahre „Geschichten des 20. Jahrhunderts“

[Eine aktualisierte und erweiterte Fassung dieses Beitrags erschien im Juni 2016 auf der Webseite erinnerung.hypotheses.org.]

„Es beginnen die Geschichten des 20. Jahrhunderts. Regelmäßig zu dieser Zeit versuchen wir bekannte und vergessene Ereignisse der Zeitgeschichte zu beleuchten. Wir erzählen Schicksale, die vergessen wurden oder vergessen werden sollten. Auch die tschechische Geschichte hat ihre Helden und Feiglinge, dunkle Perioden und Momente der großen Taten.“

Seit 10 Jahren wird mit diesen Worten die dokumentarische Sendereihe des Tschechischen Rundfunks „Geschichten des 20. Jahrhunderts“ eingeläutet. Seitdem entwickelte sich die Reihe, in der Zeitzeugen zu Wort kommen, zu einem der beliebtesten Sendeformate mit über 480 Sendungen.

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Ludvík Vaculík – ein Intellektueller in der sozialistischen Tschechoslowakei

Am 6.6.2015 starb in Prag der Schriftsteller Ludvík Vaculík. Obwohl er mit seinem Roman „Das Beil“, bereits in den 1960er Jahren bekannt wurde und seine Werke später in mehrere Fremdsprachen übersetzt wurden, war er seit der frühen 1970er für 20 Jahre arbeitslos und dem Vorwurf des Schmarotzertums ausgesetzt. Ein bedauerlicher Ausnahmefall eines Intellektuellen, der sich im Leben jenseits der philosophischen Debatten nicht zurechtfinden konnte?

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ÚPN und ÚSTR im Wirbel der Politik

[Eine aktualisierte und überarbeitete Version dieses Beitrags erschien im April 2015 auf dem Blog http://erinnerung.hypotheses.org/ ]

Das tschechische Institut für das Studium totalitärer Regime (Ústav pro studium totalitních režimů, ÚSTR) sei mit einem Geburtsfehler auf die Welt gekommen. So äußerte sich vor anderthalb Jahren der tschechische Historiker Michal Kopeček in einem Interview für Radio Prag1). Der Anlass des Interviews war damals die Abberufung Daniel Hermans, des vierten Institutsdirektors in fünf Jahren. Kopeček sah den Geburtsfehler darin, dass das Institut 2007 von einer rechtsgerichteten Regierung initiiert und gegen den Willen der linken Parteien – der Sozialdemokratie und der Kommunisten – durchgesetzt wurde. Außerdem sei dadurch, dass sowohl der Verwaltungsrat als auch der wissenschaftliche Beirat vom Senat gewählt werden, die Politisierung des Instituts, das die Akte der Staatssicherheit zugänglich machen und die Ära der Diktatur erforschen soll, vorprogrammiert.

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  1. S. dazu „Politisierung war vorprogrammiert“ – Historiker Kopeček über Totalitarismus-Institut ÚSTR“, 29.04.2013 http://radio.cz/de/rubrik/politgesprach/politisierung-war-vorprogrammiert-historiker-kopecek-ueber-totalitarismus-institut-ustr Letzter Zugriff: 6.11.2014 

Das „authentische“ Denkmal und die „wahre“ Geschichte

Regimewechsel werden oft von Denkmalstürzen begleitet oder gefolgt. Die alten Denkmäler werden entfernt, weil sie als Zeichen des besiegten Regimes gesehen werden. Mit neuen Denkmälern werden neue politische Machtverhältnisse in den öffentlichen Raum eingeschrieben. Es gibt Denkmäler, die mehr oder weniger spontan von Menschenmassen, die sich gegen das aktuelle politische System wenden, beseitigt werden, wie z. B. die Lenin-Statuen in den ukrainischen Städten Kiew und Charkiv, die im Zuge der Proteste auf dem Maidan gestürzt wurden. Oft sind aber Denkmalstürze ein Ergebnis politischer Entscheidungen und werden sorgfältig vorbereitet. Im Gegensatz zu den spontanen Aktionen werden in dem zweiten Fall nicht selten öffentliche Debatten geführt und die alten Denkmäler werden nicht nur beseitigt, sondern auch mit neuen ersetzt.

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Ein (fiktives) Archiv in Ostmitteleuropa

Bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Vergangenheit führt meistens kein Weg an Archiven vorbei. Sie sind Fundorte von Schätzen, die zum besseren Verständnis vergangener Entwicklungen beitragen oder bis dahin unbekannte Ereignisse und Entscheidungen ans Licht bringen. Um diese Juwelen zu entdecken, ist der Historiker auf die Unterstützung der Mitarbeiter im Archiv angewiesen. Leider vermitteln einige (wenige) Archivare den Eindruck, die Archivalien vor den Historikern derart schützen zu müssen, dass diese sie gar nicht in die Hände bekommen1).

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  1. In folgenden Ausführungen wird ein fiktives ostmitteleuropäisches Archiv beschrieben. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder Archiven sind rein zufällig und nicht beabsichtigt 

Die Suche nach der richtigen historischen Parallele in tschechischen Debatten zur Krim-Krise

Im tschechischen Verhältnis zu Russland lassen sich in der Vergangenheit verschiedene Phasen identifizieren, die von den panslavistischen Vorstellungen des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts, der Wahrnehmung Russlands als Befreier der Tschechoslowakei im Zweiten Weltkrieg und des traumatischen Ereignisses des Prager Frühlings maßgeblich geprägt wurden. Dabei ist insbesondere das letztgenannte Ereignis immer noch stark präsent und belastet die gegenwärtigen Beziehungen. Die Diskussionen, die die Ukraine-Krise auslöste, brachten viel von den alten Ängsten und den nationalen Traumata (nicht nur im Verhältnis zu Russland) an die Oberfläche. Gemischt mit aktuellen Interessen führten sie zu Auseinandersetzungen darüber, wo die historischen Parallelen zur Ukraine-Krise gesucht werden sollten.

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Schuld sind immer die Anderen!

Als im Februar 2014 der ehemalige kommunistische Politiker Vasiľ Biľak gestorben war, brach in Internetdiskussionen ein Shitstorm über ihn los. Obwohl auch in der Slowakei der Grundsatz „über Tote sagt man nichts Schlechtes“ gilt, wurde in diesem Fall die Missachtung dieses Prinzips als berechtigt angesehen, handelte es sich doch um einen „Verräter der Nation“, der „mit den Russen kollaborierte“. Auch der politische Kommentator Tomáš Gális schrieb in der Einführung zu seinem Kommentar „Stúpal a postúpal“ (Er stieg auf und trat [andere] nieder), dass man bei vielen kommunistischen Politikern auch etwas Positives an ihrem Wirken finden könne, während es bei Biľak schwer möglich sei. Schuld sind immer die Anderen! weiterlesen